Arbeiten und wohnen in Blenheim

Arbeiten und wohnen in Blenheim

9. März bis 31. März

 

Es ist soweit. Nach einem dreiviertel Jahr nur reisen und für Kost und Logis arbeiten, heißt es jetzt für mich, mal wieder von früh bis nachmittags zu arbeiten und das mindestens 5 Tage die Woche. Wie meine Lust darauf ist, könnt ihr euch ja sicher vorstellen, aber die Kohlen werden knapp und es heißt ja schließlich working holiday und nicht „ein Jahr faul in Neuseeland“.

 

 

 

 

Ich wollte eigentlich schon in Queenstown richtig arbeiten aber mal ehrlich, wie hoch kann die Motivation bei herrlichstem Sommerwetter und Queenstown Attraktionen, auf Arbeiten sein. Meine war nur in soweit vorhanden, dass ich mich 4 Tage die Woche zum halbtags arbeiten überreden konnte. Was ich sonst so gemacht habe, könnt ihr hier nachlesen.

Also ging es für mich mit dem Coastel Pacific Train (Bericht dazu hier entlang) nach Blenheim. Da war ich ja schon ein paar mal und habe auch schon mal eine vernichtende Review zu der Stadt geschrieben (siehe hier) aber mir würde auf der Südinsel keine Stadt einfallen, die besser geeignet ist um einen Job zu finden. Es gibt massig Jobs, viele preiswerte Langzeithostels und absolut null Ablenkung oder Dinge die man hier lieber machen könnte als arbeiten.

 

 

Working Hostels

Duncannon

 

2 Mädels, die ich über Facebook kennen gelernt hatte, hatten mir dieses empfohlen, da sie selbst ein paar Wochen hier verbracht haben und es ihnen gefallen hat. 150 Dollar pro Woche im 2 Bettzimmer. Waschen 2 Dollar (kein Trockner, da es angeblich immer sonnig ist in Blenheim *haha*), 4 GB die Woche frei (was nicht gerade viel ist wenn man Netflix und Youtube Fan ist, deshalb habe ich mir zusätzlich 10 GB für 10 $ für meinen Laptop gekauft), Fahrrad 35 $ die Woche (Blenheim ist sehr flach, sodass man auch mit dem Rad zur Arbeit fahren kann), große saubere Duschen und Toiletten, eine riesen Küche, wo jeder sein kleine Schrankabteil mit eigenem Geschirr bekommt (gute Idee) und schön am Fluss gelegen mit großer Wiese, Pooltable, kleinem Fitnessraum und viel Grün.

 

 

 

 

Die negative Seite ist aber, dass hier fast 200 Leute leben, wovon die Hälfte die sogenannten „Islander“ sind. Ich musste als ich hier ankam, eine Erklärung unterzeichnen, dass ich denen keinen Alkohol anbieten darf. Daraufhin habe ich erstmal meine Mitbewohnerin gefragt was das für welche sind, da ich kurz dachte, dass es Flüchlinge sind, da die meisten schwarz sind (keine Ahnung, was jetzt nun der politisch korrekte Terminus ist, ist mir auch schnuppe) Mir wurde gesagt, dass das quasi Erntehelfer sind, die jedes Jahr von den Inseln Samoa und keine Ahnung was es so für winzige Pazifikinseln gibt, ins Land kommen zum Arbeiten. Am Ende des Gespräches mit vers. Leuten über dieses Thema war klar, wir reden hier über moderne Sklavenhaltung aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Jedenfalls 200 Leute. Und ich möchte noch mal betonen, ich hasse Menschen und 200 davon ist eindeutig zu viel für mich. Ich war schon froh, dass ich mit meiner Mitbewohnerin aus Norwegen recht gut klar kam. Ich hatte nicht das Bedürfnis mich jeden Abend mit in die überfüllte Küche zu setzen um Smalltalk zu halten. Dazu kam, dass das Arbeitslager (sind wir mal ehrlich, was anderes ist das hier nicht) am Arsch der Heide liegt. Zum nächsten Supermarkt (dem teuersten) sind es ganze 25 Minuten zu Fuß. Einen Tag war für mehrere Stunden das Wasser weg und generell könnt ihr euch ja vorstellen wie es aussieht wenn 100 Leute (die Islander haben ihre eigene) in der Küche waren. Für mich stand nach einem Tag fest, ich muss versuchen was anderes zu finden.

 

 

 

Das ist aber wiederum gar nicht so leicht, da man hier nicht einfach bei Hostelworld oder Booking nach Hostels suchen kann. Man findet nahezu keine. Viele haben nicht mal eine ordentliche Homepage. Ich habe dann einfach vers. Leute gefragt und bei maps.me geguckt, was es so für Hostels in der Nähe gibt. Am Ende hat sich die Marlborough Labour Hire Agency darum gekümmert und mir ein kleineres Hostel gesucht, das

 

Leeways

 

 

Ich hab ja eigentlich gedacht, dass ich in ein kleineres Hostel wechsle aber als ich hier ankam war ich etwas geschockt. Die Hostelmama, Anja, gebürtig aus den Niederlanden, holte mich am Duncannon ab und erklärte mir alles. Im Haus leben 38 Leute. Im Haus nebenan auch noch mal 20 und auf den Parkplätzen davor auch noch mal 40 Leute in ihren Autos, die auch unsere Facilities benutzen und dann nur eine kleine Küche und 3 Toiletten und 4 Duschen. Hier zu kochen gleicht mehr einem Kampf, den ich versuche zu vermeiden. Es ist alles ordentlich abgewohnt. Sie versucht Küche und Bäder sauber zu halten, was zum Glück auch ganz gut klappt aber ein richtiges Hostel ist das halt nicht. Eher wie so eine überfüllte Studenten WG. Mit meinem Zimmer hatte ich Glück. Ich konnte mich entscheiden zwischen 4 Bett Männer Raum und 6 Bett Männer Raum. Im 6er Zimmer war der Boden voll mit Bierflaschen, da war mir klar, dass ich ins ordentliche 4er Zimmer gehe und was soll ich sagen – die Jungs da sind so ordentlich. Die machen früh sogar ihr Bett. Sie schnarchen zwar und reden nicht mit mir aber immerhin habe ich meine Ruhe.

 

 

 

Und auch generell werde ich hier mit keinem warm. Am ersten Tag war ich noch motiviert es zu versuchen aber nachdem ich wieder so ein paar 18 jährige Deutsche kennen gelernt hatte, die die Weißheit mit Löffeln gefressen haben und die Hälfte der anderen Franzosen sind, habe ich es aufgegeben und verbringe die meiste Zeit im Bett mit immerhin gutem kostenlosen Internet. Das Gute hier ist halt, dass man kostenlos Wäsche waschen kann, das das Zimmer 25 Dollar weniger kostet und das es wöchentlich eine Einkaufsfahrt zu Pakn Save (dem günstigsten Supermarkt) gibt.

 

 

 

Fühle ich mich wohl – nein aber es könnte schlechter sein. Ich habe inzwischen mein Mindset geändert und sehe Blenheim nur als reine Geldbeschaffungsquelle. Ich will hier nichts unternehmen oder Freunde finden. Einfach nur Arbeiten, Geld verdienen und so viel wie möglich sparen. Es wurde dann ab der zweiten Woche besser als zwei 24 jährige deutsche Mädels einzogen, wovon die eine meine Arbeitskollegin war. Wir verstanden uns ganz gut und unternahmen ab und an etwas zusammen. Und auch mit dem netten Mädchen aus Singapore, was ich bei meinem ersten Job kennen gelernt hatte, verstand ich mich so gut, dass wir uns noch ein paar mal trafen obwohl sie am anderen Ende der Stadt wohnte. Nur die freien Wochenenden waren anstrengend, da ich genau neben der „shed“ wohnte, einem kleinen Partyschuppen, der bis in die frühen Morgenstunden beschallt wurde, den ich aber persönlich kein einziges Mal auch nur angeguckt habe. Heute, ein halbes Jahr später muss ich sagen, dass ich die Zeit im Leeways trotzdem nicht missen möchte, denn irgendwie muss man auch mal unter solchen Umständen gelebt haben um dann anderes wieder mehr wert schätzen zu können.

 

 

 

 

Wie finde ich einen Job hier?

 

Alle Hostels in Blenheim arbeiten mit Jobagencies zusammen und bemühen sich dir einen Job zu besorgen. Es schadet aber natürlich nicht auch immer mal selbst zu suchen. Ich war mit Mitte März leider schon zu spät dran für die Weinerntejobs (wurde mir zumindest im ersten Hostel gesagt) Da muss man schon Mitte Ende Februar anfangen mit suchen. Ansonsten einfach bei den üblichen Verdächtigen vorbei gucken wie backpackerboard oder backpackerguide.nz. Außerdem gibt es noch einige Blenheimspezifische Jobagencies. Die bekannteste ist Marlborough Labour Hire, bei der ich auch bin/war. Es gibt aber noch kononz-recruitmenthub, opt4 oder winejobsonline.com.

Die Bezahlung ist meist Mindestlohn (16,75 steigt aber ab April auf 17,70 $ juhuu). Mir wurde ein Job angeboten mit 9,5 h Arbeit jeden Tag (je mehr desto besser, man will ja schnell Geld machen), 5 Tage Arbeit (man will ja schließlich auch ein Wochenende) und ganzen 21 $ Bezahlung, was für die Gegend super viel ist. ABER dieser Job war in einer Fleischverarbeitungsfabrik. Jeder der mich kennt weiß, dass dieser Job für mich als Veganer niemals in Frage kommen würde aber wenn man ein gewissenloses unmenschliches Wesen ist, was an Massenmord gern beteiligt ist, dann kann man in dem Job schnell gut Geld machen. Aber nicht für mich!

 

 

 

 

Meine Jobs

 

Meinen ersten Job hatte ich nach 2 Tagen. Generell ist es recht einfach hier was zu finden, wenn man keine großen Ansprüche hat. Wenn man dazu noch ein Mann ist und vlt. eine handwerkliche Ausbildung hat oder Gabelstapler fahren kann, dann hat man hier den Jackpot gezogen und jeder will dich.

 

Spy Valley Vineyard

 

 

 

Mein erster Job war auf dem Weingut von Spy Valley (heißt so, weil ein paar Meter daneben eine Abhörstation der USA liegt – kein Witz). Wir wurden jeden morgen 7:30 von einem alten Opi mit einem Van abgeholt und auf das 30 Minuten entfernte Weingut gebracht. Mein Job war fürn Ar***. Ich und ein nettes Mädchen aus Singapore waren für Etikettierung zuständig. 90 % unserer 4 Tage dort (die brauchten uns leider nur für 4 Tage, da jemand ausgefallen war) bestanden darin kleine Sticker auf das Etikett zu kleben. In der UK dürfen Alkoholwerte nicht „krumm“ sein, deshalb wurde auf das 12,3 % Etikett des Sauvignon blanc ein kleiner Sticker mit 12 % geklebt. Kann es eine dümmere und unnötigere Aufgabe geben?! Keine Ahnung wie viele Flaschen ich in den 28 h, die ich dort gearbeitet habe, beklebt habe aber ich habe verdammt viele Kilo gehoben. Ein Weinkarton mit 12 Flaschen wiegt 14,4 kg. Auf einer Palette befinden sich 56 Kartons, das heißt das sind schon mal über 800 kg. Und wir haben pro Tag zu 4. ca. 8 Paletten bearbeitet. Da könnt ihr euch ja ausrechnen, was ich jeden Tag gehoben habe.  Die andern 10 % packten wir die Flaschen auf das Band der Etikettiermaschine, packten sie danach wieder in den Karton und stapelten diesen auf die Palette. Dazu kam noch 7 h zu stehen, was ich als gelernte Büropoplattsitzerin ja nun auch nicht gewohnt bin, kurzum, es war anstrengend. Und es gab natürlich nur Mindestlohn.

 

 

Das waren die nagativen Sachen ABER – ich fand den Job echt gut. Zum einen ist Housekeeping so viel anstrengender als Sticker kleben und es gibt das gleiche Geld. Zum anderen weiß man, dass man diesen Job nicht für immer macht. Dazu kam, dass alle auf dem kleinen Weingut so unendlich lieb waren. Wir hatten tolle Gespräche, alle 2 h wurde eine Pause gemacht, es gab immer kostenlose Früchte und Kaffee im Pausenraum, irgendjemand hat immer Kuchen oder Schoki verteilt, das Gebäude, die Weinfelder (das Wort fühlt sich nicht richtig an aber mir fällt einfach kein anderes ein) und die umliegenden Berge waren immer eine Wohltat fürs Auge. Und mein Highlight war der letzte Tag, wo wir während der Arbeitszeit eine kostenlose Weinverkostung bekamen, bei der wir alle Weine (ca. 15) durchprobieren konnten und uns dazu etwas erklärt wurde. Außerdem bekamen wir ein Käsebrett und Kuchen und 25% Mitarbeiterrabatt (meine Kollegin kaufte 2 Weine – ich bin hier zum sparen). Die Arbeit an sich war dumm und stupide aber das nette liebenswerte Arbeitsumfeld hat diesen Job zu einem gemacht, der mir noch lange positiv in Erinnerung bleiben wird. Zum Abschied bedankte sich sogar die Besitzerin des Weingutes bei uns für unsere Arbeit. So etwas habe ich Deutschland noch nie bei meiner Arbeit erlebt. Also alles in allem ein sehr positiver erster Arbeitseindruck. Bei dem einen sollte es leider auch bleiben.

 

 

 

Wine works

 

 

Ich war gerade erst am Sonntag im Leeways angekommen und dachte, dass ich den Montag schön chillyvanilly machen könnte aber nee 7:45 platzte Anja, die Hostelmama, ins Zimmer und sagte mir, dass ich in 15 Minuten fertig sein soll. Sie hat Arbeit für mich. Ich war erst mal völlig neben der Spur. Der Tag kann nicht gut werden, wenn ich keine Morgenroutine hatte oder ein Frühsück. Und der Tag wurde auch nicht gut. Die schlimmste Arbeitsstätte die ich je hatte! Ich verstehe nicht wie Menschen da tagtäglich arbeiten können ohne sich bisher das Leben genommen zu haben. Ein schrecklicher Ort. Die Hölle ist sicher ähnlich. Zu Wine works schicken fast alle Vineyards aus der Umgebung ihren Wein (außer Cloudy Bay, Grove Mills und eben Spy Valley, für die ich ja letzte Woche gearbeitet hatte) und dieser wird dann dort abgefüllt und etikettiert. Das Ganze ist aber absolut nicht zu vergleichen mit der kleinen gemütlichen Werkshalle bei Spy Valley. Blenheim ist DIE Weingegend in Neuseeland. Es gibt 100erte Weingüter hier. Dementsprechend groß ist Wine works. Eine riesen Halle mit 7 Abfüllstationen. Keine Fenster, graue Wände, nur Metal und Beton. Arbeitszeit von 5 Uhr früh bis 5 Uhr abends. Teilweise sehr unfreundliche Leute die dort arbeiten und das Schlimmste ist die Lautstärke in der Halle. Ich bekam zwar ein paar einfache Oropax aber die hielten nichts ab. Meine Supervisorin sah aus wie Whitney Housten in ihren letzten Tagen und war eine ruppige unfreundliche Person. (kurze witzige Geschichte nebenbei – meine Kollegin aus Singapore hatte hier auch schon gearbeitet und ich hatte ihr von dieser schrecklichen Supervisorin erzählt. Eines abends saßen wir im Pub als die auch kam und meine Freundin plötzlich freudig aufsprang um sie zu umarmen weil sie sich so gut auf Arbeit verstanden hatten. Da hab ich mir dann natürlich verkniffen zu sagen, dass das die Alte war, die mir den Tag zur Hölle gemacht hat :-D)

Ich musste all meinen Schmuck und alles ablegen, was sich irgendwie schon entwürdigend anfühlte. Dann scheuchte sie mich von A nach B und behandelte mich wie eine Nummer. Meine alte Mitbewohnerin im Duncannon hatte mich schon vorgewarnt, dass Wine works ein schrecklicher Ort ist und sie hatte nicht übertrieben. Meine erste Aufgabe: ich bekam eine Art gepolsterten Klöppel in die Hand gedrückt und musste damit am Band stehen und den kleinen Sticker, der von einer Maschine oben auf den Verschluss geklebt wurde herunter drücken und das im Sekundentakt. Anstrengend für mein Handgelenk. Dann durfte ich zum Glück wechseln und musste die Flaschen so drehen, dass die Maschine den Sticker richtig aufbringen konnte. Das war okay und ich hatte meine Ruhe. Leider wurde ich dann weiter gescheucht. Sticker per Hand auf Weinflaschen kleben, Kartons zusammen kleben oder abgefüllte Kartons stapeln und das mit jeder Menge anderer Backpacker. Stress!

Dann endlich Pause und ich konnte mal wieder kurz das Tageslicht sehen. Danach fiel es mir noch schwerer wieder zurück zu müssen. Dann wurde ich meiner eigentlichen Aufgabe zugeteilt, wo mir die versoffen aussehende Mrs. Housten Supervisorin erklärte, dass ich für den Job mehrere Wochen vorgesehen bin. Ich musste schlucken. Mehrere Wochen eine Aufgabe?! Ich dachte in so nem Arbeitslager wird immer rotiert um die Mitarbeiter vor Tod durch Unterforderung zu bewahren?! Meine Aufgabe war es an einer Maschine Weintrenner zwischen die 6er oder 12er Flaschen zu stecken und danach stülpte eine andere Mitarbeiterin den Karton über die Flaschen. Ich hatte Glück und die Dame war ganz nett aber wegen der Lautstärke war kein Gespräch möglich. Der Job war erst okay aber nach 4 h hätte ich mich auf den Boden werfen und heulen können. Als endlich der Feierabend nahte platze mein Schädel und mir war klar – ich gehe nie wieder an diesen schrecklichen Ort zurück!  Im Transporter fragten mich die anderen wie ich meinen ersten Tag fand und ich sagte ihnen, dass ich es so beschissen fand, dass ich nicht wieder zurück gehe. Daraufhin guckten sie mich verwundert an und gaben mir zu verstehen, dass ich mich mal nicht so haben soll. So schlimm wäre es doch gar nicht. Jeder hat wahrscheinlich eine andere Schmerzgrenze aber ein Job wo ich nach 6 h das erste mal für eine halbe Stunde das Tageslicht wieder sehe, gleicht für mich eher einer Folter. Sicher kann man hier schnell und wetterunabhängig gut Geld machen allerdings sollte man seine Seele und sein Hirn bereits früh im Umkleideraum abgeben. No thank you – NEXT!

 

Weinernte für Villa Maria

 

Zum Glück hatte Anja Verständnis für mich und auch sofort einen neuen Job parat – Weinernte. Yes! Ich finde wenn man als Backpacker in Neuseeland unterwegs ist, dann muss man die Erfahrung bei der Wein- oder Kiwiernte dabei zu sein, einfach mal gemacht haben. Deshalb freute ich mich. Aber – ich landete bei einem der Ausbeutervereine. Bei anderen Weingütern bekommen die Pflücker ein gratis Mittagessen. Wir bekommen nichts. Wir bekommen Stundenlohn aber müssen trotzdem so arbeiten wie Contractor, die nach Stückzahl bezahlt werden.

 

 

 

Außerdem komme ich mir die meiste Zeit des Tages vor wie der Sklave auf der Baumwollplantage. Es steht immer ein Supervisor hinter einem und schreit einen an, dass man schneller pflücken soll oder keine verschimmelten Trauben. Fast alle „Aufpasser“ sind  Maori. Und wenn man die Geschichte des Landes bedenkt, dann verbirgt sich da schon ein wenig Ironie dahinter. Außerdem ist der Job extrem wetterabhängig und der Tod für meinen Rücken, vor allem wenn der Wein so weit unten hängt.

 

 

 

Hinzu kommt noch, dass die normale Erntezeit 6 Wochen sind und ich habe nach 2 Wochen angefangen. Nun heißt es allerdings, dass die Erntezeit dieses Jahr auf 4 Wochen verkürzt wird. Man frage mich nicht warum. An meinem ersten Tag bin ich 5:30 aufgestanden und war kurz vor 6 wieder im Hostel. 12 h Tag. Das Problem ist aber, dass wir teilweise 30-50 Minuten zu einem Vineyard fahren und diese Zeit wird nicht angerechnet. Ich meine klar, dass ist bei normalen Jobs ja auch so aber wir sind jeden Tag auf einem anderen Vineyard und im Vorfeld hieß es wohl angeblich, dass sie dieses Jahr die Fahrzeit mit anrechnen.

Ich werde von ein paar dauerkiffenden French Canadians mitgenommen. Im Auto wird fast die ganze Zeit französisch gesprochen – und da ist sie wieder meine Abneigung gegen Franzosen. Naja sie nehmen mich immerhin mit (für nur 10 Dollar die Woche, andere wollen 5 Dollar am Tag).

Nun aber zu den guten Dingen an dem Job – zum einen ist alles besser als Wine works, zum anderen bin ich den ganzen Tag an der frischen Luft und bewege mich. Ich sehe jeden Tag den schönsten Sonnenaufgang und könnte die ganze Zeit Trauben naschen. Da ich die Dinger zum Glück aber eh nicht mag (man entwickelte eine starke Abneigung gegen das Zeug was man den ganzen Tag abschneiden muss), nehme ich von jeder Weinsorte immer nur eine Kostprobe um die Unterschiede festzustellen und die sind ziemlich groß.

Wir sind meist 50 bis 60 Leute, was auch manchmal reichlich anstrengend ist. Man pflückt immer in Paaren einer auf der einen Seite der Reben und der andere auf der anderen. Da ich keine Sau kenne und nahezu jeder schon seinen Erntepartner hat, stand ich erst mal alleine da, bis mir jemand zugeteilt wurde. Bei der ersten Französin hatte ich Glück. Sie war sehr nett und konnte gut englisch. Danach bekam ich eine 20 jährige Deutsche, die pro Minute 5 Mal das Wort „Alter“ benutzte. Daraufhin suchte ich mir einen jungen Burschen aus, den ich den Tag davor beobachtet hatte und der mit niemandem sprach und nur Musik hörte. Perfekt für mich. Und ich verstand mich gut mit Jonas, der sich auch als deutscher heraus stellte. Auch erst 18 aber wir haben uns ganz gut eingespielt.

Unser Boss, Tony, für den wir arbeiten ist auch zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Der große muskulöse tattoowierte Maori kann ein super charming und witziger Kerl sein, der einen lobt und motiviert und mit dem man auch mal ein Späßchen machen kann. Tony kann aber auch ein absolut abartiger Bastard sein. Er schreit uns oft an und ist wie ein Drill Instructor. An meinem ersten Tag hat er mich aber total geschockt mit seinem Verhalten und es fällt mir richtig schwer über soetwas zu schreiben weil es einfach nur abartig ist. Er hatte auf dem Feld zwei tote Hasenbabies gefunden (ich hoffe, dass er sie schon tot gefunden hat). Er packte einen der Hasen unbeobachtet in den Pflückkorb eines Mädchens neben mir und schrie sie dann an, was sie denn da pfückt. Sie war daraufhin total schockiert – verständlicherweise. Den anderen Hasen warf er über die Reben einem anderen Supervisor an den Kopf. Ich war völlig außer mir und schrie ihn an, was er für eine abartige Person ist. Er lachte nur…

 

 

 

 

Aber einige Menschen hier in Neuseeland haben generell ein abartiges Verhalten gegenüber Tieren und posieren gern in ekalhaftesten Posen mit ihrem erlegten Hirsch oder Wildschwein. Grausam zu sehen und das in einem Land was als erstes Tieren rechtlich Gefühle zugesprochen hat. Naja das Karma wird schon sein übriges tun…

 

Als wir gerade mal wieder direkt bei Villa Maria vor der Haustür pflückten war ein Kamerateam dabei, welches für Villa Maria einen Image Film drehte. Für uns war die ganze Sache eine willkommene Abwechslung in unserem Pflückalltag.

 

 

 

 

Eines Tages nach 3 Wochen hieß es dann, dass wir nach der Arbeit Bier und Pizza bekommen und ich war völligst verwundert. Zum einen Bier? Wenn wir für ein Weinhersteller pflücken?! Und zum anderen warum? Wir waren jedenfalls alle total happy nach der Arbeit mal gut behandelt zu werden und ich ließ einige zusätzliche Biere mitgehen 😀 Und zum Glück traute sich dann meine Kollegin Tony nach einem gemeinsamen Foto zu fragen, welches ich euch nun hier präsentiere:

 

 

 

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich ihn da zum letzten Mal sehen sollte, denn am Tag darauf hieß es, dass wir heute frei hätten. Wir freuten uns. Aber als es dann die darauf folgenden Tage so weiter ging, entschied ich, mich den beiden Deutschen Mädels anzuschließen und Blenheim auch zu verlassen. Ich habe dann später erfahren, dass die anderen 2 ganze Wochen nicht gepflückt haben und somit war ich sehr froh, dass ich rechtzeitig gegangen war.

Rückblickend habe ich die Zeit aber trotzdem irgendwie in guter Erinnerung auch wenn es eigentlich ziemlich scheiße war aber ich kann immerhin behaupten schon mal für den besten Vineyard Neuseelands gepflückt zu haben 😀

 

Freizeitgestaltung

 

Ich muss sagen, dass ich Blenheim noch mal von einer anderen und etwas schöneren Seite kennen gelernt habe als bei meinem letzten Besuch. Ich verbrachte viel Zeit im Pollard Park oder an dem kleinen Fluss in der Stadt und durch das dauerhaft schöne Wetter wirkte generell alles viel freundlicher.

 

 

 

 

 

 

Goodbye

 

Und mit meinem Weggang in Blenheim wurde es Zeit für einen weiteren Abschied. Der Abscheid von meinen geliebten Wanderschuhen. Ich bin mit euch durch die Rockies gelaufen. Habe mit euch Vulkane in Indonesien bestiegen. Ihr habt mir Halt gegeben im steinigen Valley in Western Australia und habt mich auf sämtliche Hügel in Neuseeland gebracht. Doch jeden Tag auf einem matschigen Feld auf dem ihr mit roten Weintrauben bespritzt wurdet, haben euch endgültig das Genick gebrochen und es war Zeit Goodbye zu sagen (und damit sich keiner wundert, dass waren nur Decathlon Wanderschuhe, die ich mal im Sale geschossen hatte und keine 300 Euro Schuhe)… Es fiel mir verdammt schwer aber sie waren einfach nicht mehr schön und da ich in Neuseeland keine Hikes mehr machen wollte, ließ ich sie einfach vorm Leeways stehen. (Edit im August  Ich vermisse sie!)

 

 

Fazit

 

Sicher nicht die schönste Zeit meines Lebens aber eine Zeit in der ich viel gelernt habe. Auch über mich selbst. Ich weiß jetzt, dass ich Notfalls auch mit 80 Menschen eine Küche teilen kann oder das ich nie wieder in einer großen Fabrik arbeiten will. Wenn ich jetzt, ein halbes Jahr später an die 4 Wochen in Blenheim zurück denke, dann definitiv mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

 



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